Tschad

Über das Projekt

Die Region Guéra liegt im Zentrum des Tschad. In einem Gebiet so groß wie Belgien leben nur 1,3 Millionen Menschen; viele von ihnen weitab der nächsten Stadt. In den entlegenen ländlichen Gebieten gibt es weder eine Tageszeitung noch haben  die Menschen Zugang zu Radio, Fernsehen oder Internet. Auch Schulen sind rar.

Abdelaziz in der Schule.

Nur jedes dritte Kind geht in der Region überhaupt in die Schule. Von diesen Kindern schließt wieder nur jeder dritte Schüler die Grundschule ab. So wundert es wenig, dass die Alphabetisierungsrate eine der niedrigsten der Welt ist. Von den Tschadern, die zwischen 15 und 24 Jahre alt sind, können nur 53 Prozent der Männer und 41 Prozent der Frauen Lesen und Schreiben.

Doch immer mehr Dorfgemeinschaften nehmen die Bildung ihrer Kinder selbst in die Hand. Die Schulleiter und manchmal auch Lehrer werden vom Staat bezahlt. Den Rest übernehmen die Eltern: Sie fassen beim Schulbau mit an und die Mütter kümmern sich um Pflege der Gebäude oder Schulhöfe. Sie sind es auch, die in den Schulgärten durch Obst- und Gemüseanbau die notwendigen Einnahmen erzielen um beispielsweise anstehende Reparaturen zu bezahlen.

Bildung für Entwicklung

Trotz des beeindruckenden Engagements der Eltern findet der Unterricht oft nur in improvisierten Klassenzimmern oder sogar im Freien statt. Die Dorflehrer haben keine qualifizierte Ausbildung. Es fehlt an Lehrmaterial. Nicht selten müssen die Lehrer für ihre Unterrichtsvorbereitung aus den Schulbüchern des Direktors abschreiben.

In der Bibliothek

Das will Foi et Joie ändern. Die Vision der katholischen Organisation: Eine umfassende Grundbildung für Kinder und Jugendliche, die ihnen Perspektiven für ihr späteres Berufsleben gibt. Davon sollen alle Schüler profitieren – unabhängig von ihrer Religion (ein Prozent der Menschen in Guéra sind Christen, 95 Prozent Muslime). Dabei geht es auch um ein gutes Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichem ethnischen, sprachlichen, religiösen und kulturellem Hintergrund.

In Tchelati  und 24 weiteren Dörfern finanziert Foi et Joie mit Hilfe der 2-Euro-Aktion die Ausbildung des Schulpersonals und die Weiterbildung der Eltern aus den Schulvereinen. Foi et Joie fördert zudem die Vernetzung der Dorfschulen untereinander und den Bau neuer Schulgebäude. Und die Organisation sorgt dafür, dass rund 7.400 Schülerinnen und Schüler und ihre Lehrer ausreichend Unterrichtsmaterial zur Verfügung haben.

Pausenloser Einsatz

"Der Anteil von Mädchen in Schulen ist tendenziell gering, da sie von den Eltern oft früh verheiratet werden", sagt Jean-Baptiste Walouda, Direktor des Foi et Joie-Schulnetzwerkes. "Eine weitere Herausforderung ist die oft unregelmäßige Teilnahme am Unterricht z.B. wegen der Mitarbeit der Schüler auf den Feldern ihrer Eltern und die hohe Zahl der Schulabbrecher."

Mädchen beim Lernen

Hier ist viel Überzeugungsarbeit notwendig. "Viele Eltern haben selbst niemals eine Schule besucht", sagt Foi et Joie-Mitarbeiterin Erbye Dépé. Pausenlos ist sie von Schule zu Schule und Dorf zu Dorf unterwegs, um den Eltern nahezubringen, was Schule überhaupt ist und welche Bedeutung Bildung für ihre Kinder, besonderes ihre Töchter, hat.

Das Engagement von Erbye Dépé wird belohnt. Die Verweildauer der Schüler und Schülerinnen ist von anfangs nur etwa zwei Jahren auf mittlerweile durchschnittlich drei bis viere Jahre angestiegen. Rund 40 Prozent der Schüler in Tchelati sind Mädchen. Die Nachfrage nach Schulplätzen ist mittlerweile so groß, dass die drei Klassenräume längst nicht mehr ausreichen. Schuldirektor Adoum Adiko freut sich, dass die behelfsmäßig errichtete Baracke nun bald gemeinsam mit Foi et Joie durch ein zweites Schulgebäude ersetzt wird. Damit die Schule von Tchelati genug Platz für alle Kinder hat.

Zusätzlich zur Unterstützung der Foi et Joie-Schulen betreibt das Apostolische Vikariat Mongo mit Unterstützung der 2-Euro-Aktion fast 50 kleine Bibliotheken in Nirgui und andern Dörfern der Region. So haben die Kinder auch nach der Schule Zugang zu Literatur und Lehrmaterial.

Portraits

Halime (17)

Halime

Halime ist 17 Jahre alt und hat eine Vorliebe für kräftige Farben. Stolz trägt sie ihre leuchtend bunten Gewänder. Gemeinsam mit ihren Eltern und sechs Geschwistern wohnt sie in Tchelati nur drei Gehminuten von der Foit et Joie-Dorfschule entfernt. "Ich finde Schreiben und Lesen lernen sehr wichtig", erzählt Halime. Sie möchte später vielleicht selbst einmal Lehrerin werden, um anderen Kindern und Jugendlichen ihr Wissen weiterzugeben.

Der Tag von Halime beginnt morgens um 5 Uhr mit dem Sonnenaufgang – abends geht sie um 21 Uhr ins Bett. Denn in Tchelati gibt es kein elektrisches Licht und noch nicht einmal einen Laden, in dem man Kerzen kaufen kann. Ihre Familie und die Menschen im Dorf leben von dem, was sie auf ihren Feldern anbauen. Im Sommer muss sie deshalb besonders viel auf den Feldern ihrer Eltern mithelfen. Am liebsten stärkt sie sich dann mit ihrem Leibgericht "Trockenfleisch mit Couscous".

In das abgelegene Dorf verirrt sich nur selten ein Auto. Sie selbst hat in ihrem Leben noch nicht einmal die nächstgelegene kleine Stadt Mongo besucht. Am meisten freut sich Halime auf den Freitag. Im islamisch geprägten Tschad ist dann Ruhetag. Den genießt sie gemeinsam mit ihren Freundinnen. Während die Jungen gerne Fußball spielen, bevorzugen die Mädchen  gemeinsame Kugelspiele im Schatten der Bäume.

Ihre beste Freundin Fania Hamit geht mit ihr in dieselbe Klasse der Dorfschule. Sie ist noch sehr jung und ein eher stilles und zurückhaltendes Schulmädchen. Trotzdem hat sie sich bereits hohe Ziele gesteckt. "Ich möchte es bis zur Schuldirektorin schaffen!"


Abdelaziz Kaya (13)

Abdelaziz

Abdelaziz ist 13 Jahre alt. Er geht in die Dorfschule von Tchelati. Das Dorf Tchelati liegt inmitten einer schönen Gebirgslandschaft. Mit eineinhalb Stunden Autofahrt im Geländefahrzeug von Mongo aus gehört die Schule im Dorf zu den am weitesten abseits gelegenen Dorfschulen im Tschad, die von Foi et Joie unterstützt werden.

Abdelaziz ist ein offener und aufgeweckter Junge, der einem durch seine gewinnende Art sofort auffällt. Selbstbewusst erzählt er von seinem großen Traum: "Ich möchte einmal Arzt werden. Um das zu erreichen, muss ich noch viel lernen."

Den ersten Schritt auf dem Weg zu seinem Wunschberuf hat er bereits gemeistert. Stolz zeigt Abdelaziz seinen Namen auf der Liste an der Klassentür: Hier stehen die Namen all derer, die nach der sechsten Klasse auf die weiterführende Schule in Baro gehen dürfen.

Bevor es soweit ist, muss er allerdings wie alle anderen Jugendlichen im Dorf auf den Feldern mithelfen. Die Familie von Abdelaziz baut Hirse, Sesam und Erdnüsse an. Die trockene Erde zu lockern ist harte Knochenarbeit. "In der Mittagspause ruhe ich mich am liebsten unter meinem Baum aus," sagt Abdelaziz. "Im Schatten ist es wenigstens etwas kühler!"

Tschad

Nach 30 Jahren Diktatur und Bürgerkrieg hatten die Menschen im Tschad große Hoffnung, dass sich mit der Machtübernahme durch den heutigen Präsidenten Idriss Déby 1990 ihre Lebenssituation positiv verändern wird. Auch der Beginn der Erdölförderung gut 10 Jahre später gab Anlass zur Hoffnung, dass die Einnahmen dem extrem armen Land Entwicklungschancen ermöglichen werden.

Vom "schwarzen Gold" profitieren jedoch bis heute in erster Linie ausländische Konzerne und ein kleiner Teil der tschadischen Elite. Hinzu kommt, dass im Land immer wieder Gewalt aufflammt. Auch Konflikte der Nachbarländer - u. a. durch die Darfur-Krise – schwappen in den Tschad über. 

Regelmäßige suchen Dürrekatastrophen das Land heim. Klimawandelfolgen verschärfen die ungünstigen Gegebenheiten. So gehört der Tschad bis heute zu den ärmsten Staaten der Erde: 62 Prozent der Tschader haben weniger als 1 Euro am Tag.

Wusstest du darüber hinaus, dass...

  • das Wort "Tschad" übersetzt  "großes Wasser" heißt. Das Land verdankt seinen Namen dem großen (aber stark schrumpfenden) Tschadsee im Westen des Landes,
  • der Tschad möglicherweise die Wiege der Menschheit ist. Der Toumaï-Schädel, der in der Region des Tschad-Sees gefunden wurde, gilt für seine Entdecker als Überrest des ältesten menschenartigen Wesens,
  • der Tschadsee auch als Paradies für Vogelkundler gilt. Als Heimat und Rastplatz für Millionen von Zugvögeln aus Europa beherbergt das Gebiet des Tschadsees viele hundert Vogelarten,
  • fast jeder Zweite der elf Millionen Tschader unter 15 Jahre alt ist.
  • dass Schüler und Schülerinnen im Tschad im Durchschnitt nur zwei Jahre eine Schule besuchen. Deshalb sind 70% der Erwachsenen Analphabeten,
  • im Tschad mehr als 1420 Sprachen gesprochen werden. Die beiden Amtssprachen sind Arabisch und Französisch. Als Muttersprache sprechen die Hälfte der Menschen entweder Arabisch oder Sara. Französisch wird nur von einer gebildeten Minderheit gesprochen,
  • die Grenzen des heutigen Tschad das Ergebnis von Verhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland von 1880 sind,
  • die MISEREOR-Partnerin Jacqueline Moudeina 2011 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Sie setzt sich seit Jahren für die Rechte der Opfer des ehemaligen Diktators Hisène Habré ein und überlebte 2001 nur knapp einen Anschlag,
  • MISEREOR im Tschad rund 30 Projekte unterstützt?

Weitere Infos

Filmtipps

filmtipp

"Un homme qui crie", "Daratt" und "Abouna" - drei ausgezeichnete Filme über den und aus dem Tschad, die sich lohnen!

Mehr zu den Filmen findest du hier.


Bibliotheksblog des Apostolischen Vikariats Mongo

Junge in der Bibliothek

Neuigkeiten aus den Bibliotheken, Infos über tschadische Literatur und orale Kultur findest du auf Französisch im Blog der Bibliotheken des Vicariats Mongo.

zum Blog


Interview: Der Staat als Großgrundbesitzer

Antoine Bérilengar SJ

Die Erdölförderung ist einer der Gründe für den Landraub im Tschad. Der Staat beteiligt sich aktiv an den Spekulationen mit dem Land. MISEREOR-Mitarbeiterin Astrid Meyer hat mit dem Leiter des Zentrums für Erwachsenenbildung CEFOD, Antoine Bérilengar SJ, über die Situation in der Sahelzone gesprochen.

zum Interview


Online-Portal: Das Erdöl und die Folgen

Screenshot Online Portal AG-Tschad

Am 10.10. 2003 floss erstmals Erdöl über die Tschad-Kamerun-Pipeline.

  • Wie hat die Erdölproduktion das tägliche Leben im Tschad beeinflusst?
  • Welche Entschädigungen wurden wofür gezahlt?
  • Welche Konsequenzen müssen von wem gezogen werden, damit die Ressource Erdöl gerecht gefördert und verwendet wird?

Antworten auf diese und weitere Fragen bietet das Online-Portal der AG Tschad.

Zum Online-Portal


Blog von Andreas Kahler

Andreas' Blog

Andreas Kahler arbeitet für MISEREOR im Tschad. Er berichtet nicht nur über die 2-Euro-Projekte Foi et Joie und die Bibliotheken des Apostolischen Vikariats Mongo, sondern auch regelmäßig im MISEREOR-Blog über Erdölproblematik und besondere Ereignisse im Tschad.

zum Blog von Andreas Kahler

"Foi et Joie fängt dort an, wo die Straßen enden und es kein sauberes Trinkwasser mehr gibt." (Foi et Joie)


So helfen deine 2 Euro:

  • mit 1 x 2 € finanzierst du den Kauf einer Packung Tafelkreide

  • mit 3 x 2 € können 4 Schreibübungshefte gekauft werden

  • mit 29 x 2 € ermöglicht du den Schulkindern einen Tisch und eine Schulbank aus Metall

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2 € helfen - Die neue Kampagne

mehr Infos zur Kampagne

Deine 2 Euro helfen - auch Fania im Tschad. Mehr Infos zur neuen Kampagne, zu Fania und Hanna findest du hier.


Bildung für alle

Bilderstrecke Tschad

Foi et Joie ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, zur Schule zu gehen. Das 2-Euro-Projekt in Bildern (Fotos u.a. Annette Etges)


Tschad


Wasser im Tschad

Das Wort "Tschad" bedeutet in der Sprache der Buduma "großes Wasser". Tschad ist also das "Land des großen Wassers" - und droht doch immer mehr zu einem Land ohne Wasser zu werden. Wir haben dir Informationen rund ums Thema zusammengestellt.