Was hast Du als Freiwillige in dem Projekt Vision Jeunesse Nouvelle de Gisenyi in Ruanda gemacht?
Wir, Sophie Tritschler – auch eine Freiwillige – und ich, haben Jugendliche und
Mitarbeiter von VJN in Englisch unterrichtet. Wir haben ein Kulturkino gegründet und ich habe besonders mit den Straßenkindern gearbeitet. Das war oft schwierig, weil viele Kinder kein Französisch sprechen. Wir verständigten uns mit Händen und Füßen.
Hast Du denn auch die Landessprache Kinyarwanda gelernt?
Ein wenig. Ich kann auf einem Markt einkaufen, um den Preis feilschen oder nach dem Weg fragen. Im Nachhinein denke ich, ich hätte mehr lernen sollen. Denn obwohl viele Ruander Französisch sprechen, öffnet einem Kinyarwanda erst wirklich Türen.
Du hast das Kulturkino erwähnt. Was ist das?
Das CinéCulture war eigentlich nur ein abgedunkelter Raum, dessen Türe wir bemalt haben. Die Leinwand war ein großes Tuch. Wir zeigten keine Ballerfilme, sondern Filme, die auch etwas mit dem Leben der Jugendlichen zu tun haben und gleichzeitig Spaß machen. Einer der ersten Filme war Slumdog-Millionär. Einer der VJN Mitarbeiter musste die Filme immer vorher anschauen und dann simultan auf Kinyarwanda mitsprechen. Nach den Vorführungen haben wir mit den Kindern und Jugendlichen über den Film, ihre Erfahrungen und Erlebnisse gesprochen.
Habt Ihr die Filme selbst ausgesucht?
Sophie und ich besprachen die Filmauswahl zuvor mit den Mitarbeitern. Wir konnten nicht verantworten, dass etwas gezeigt wird, dessen Auswirkungen wir als Deutsche in einer fremden Kultur nicht abschätzen konnten. Zum Jahrestag des Genozids wollten wir z.B. einen Film über die Ereignisse zeigen, der aber für die Kinder zu realitätsnah gewesen wäre.
Wie präsent ist denn der Genozid noch?
Man muss sehr vorsichtig mit dieser Thematik sein. Die Leute in Ruanda wollen so etwas nie wieder erleben. Die jeweilige Ethnie spielt schon noch eine Rolle, aber in der Öffentlichkeit wird darüber nicht gesprochen.
Wie habt Ihr im Projekt dieses Thema aufgearbeitet?
Im Oktober gibt es eine offizielle Friedenswoche. In dieser Zeit haben wir Theater-, Kunst- und Film-Workshops angeboten. Da Frieden so viele Dinge beinhaltet, beschlossen wir, mit dem Begriff Respekt zu arbeiten. An den Workshops nahmen 60 Jugendliche teil. 30 von VJN und 30 aus der kongolesischen Zwillingsstadt Goma. Am Ende gab es einen großen Friedenslauf mit einer Blaskapelle. Der Start war im Kongo und ging über die Grenze durch ganz Gisenyi.
Was genau habt Ihr in den Workshops gemacht?
Die Jugendlichen haben eine Holzplatte von zwei Seiten bemalt, die dann später auf Streben aufgezogen wurde – so dass man beide Seiten anschauen konnte. Die Filme und Theaterstücke haben wir anschließend in Schulen präsentiert.
Wie alt waren die Jugendlichen, die teilgenommen haben?
Die Jugendlichen waren zwischen 15 und 23 Jahren alt. Das war komisch, denn ein Teil war ja genauso alt wie wir oder sogar älter. Dabei waren wir die Organisatoren dieses Workshops.
War es schwierig für Euch, Kontakt zu den Jugendlichen aufzunehmen?
Um Anschluss zu den Jugendlichen des Projekts zu bekommen, haben Sophie und ich in der Modern-Dance Gruppe getanzt. Am Anfang war das nicht so leicht, denn wir waren die einzigen Weißen. Wir wurden dann aber schnell Teil der Gruppe, mit allen Vor- und Nachteilen. Denn die Gruppe war geteilt in 'Untergruppen'. Und die Untergruppe mit den meisten Fehlern musste am Ende des Trainings immer Liegestütze machen. Ich war auch ein paar Mal dabei.
Haben die Straßenkinder Dich als Mitarbeiterin von VJN anerkannt?
Ja, schließlich habe ich sie betreut, wenn sie aus der Schule kamen. Wir haben Fußball gespielt oder sind schwimmen gegangen. Manchmal sind die Eltern auch ins Projekt gekommen, dann war ich bei Gesprächen dabei, in denen es um Perspektiven für die Straßenkinder ging.
Die Straßenkinder liegen Dir ganz besonders am Herzen?
Das tun sie. Zu Weihnachten haben wir ein Fest organisiert. Dafür habe ich Spenden aus Deutschland gesammelt. Mit den Mitarbeitern haben wir überlegt, was die Kinder brauchen. In dem Fall waren das saubere Kleider. Denn ohne saubere Kleider durften sie nicht an der Weihnachtsmesse teilnehmen, was sie aber unbedingt wollten. Von den Spenden konnten wir jedes Straßenkind neu einkleiden und mit ihm zum Frisör gehen. In der Kirche haben viele Bewohner von Gisenyi die Straßenkinder gar nicht wieder erkannt. Nach der Messe gab es ein großes Weihnachtsessen mit allen zusammen und die Kinder haben ein Geschenk bekommen. Nichts Großes – aber die Geste zählt. Und die Kinder haben sich super darüber gefreut.
Man kann also auch schon mit Kleinigkeiten Großes bewirken?
Auf jeden Fall. Und manchmal auch mit scheinbar Unwichtigem. Mir ist z.B. während meiner Zeit in Ruanda stark aufgefallen, dass es vor allem an Mitteln im Bereich Verwaltung fehlt. Meistens denkt jeder, der spendet, dass er für Menschen und nicht für Verwaltungskram Geld geben will. Aber genau das ist eben auch wichtig, damit das Geld vernünftig eingesetzt werden kann.
Welches Erlebnis war für Dich während Deiner Zeit als Freiwillige besonders schön?
Ich bin mal zu Fuß nach Hause gelaufen, weil ich dachte der Bus kommt nicht mehr, und hatte ca. sieben Kilometer vor mir. Dann kam der Bus doch noch, hielt ein paar Meter weiter und wartete auf mich. Der Ticket-Boy hatte mich erkannt. In Ruanda verkauft nicht der Busfahrer die Tickets, sondern ein Junge, der sich so etwas dazu verdienen kann. Und eben der hatte mich erkannt und den Bus angehalten. Diese Fahrt war sogar ein "Lift" – also umsonst. Das ist eines von vielen schönen Erlebnissen während der gesamten zehn Monate.
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