"Am Morgen hatte ich mir alte Kleider angezogen und unsicher mein Fahrrad bestiegen. Einen Tag zuvor hatte ich doch auf dem Heimweg von einer Horde lachender Jungs eine Wasserbombe an den Rücken bekommen. Ich war zwar etwas erschrocken, aber wer kann über eine solche Abkühlung bei 33 Grad böse sein?
Diesmal trocken erreichte ich den ersten contact-point. INA-market, ein großer Markt in dem rund 50 Straßenkinder leben. Mit dem Child Right Advocater Alam lief ich durch den Markt auf der Suche nach unseren Jungs und Mädels. Wegen Holi gab es an fast jedem Stand Wasserspritzpistolen und Farben aller Größen und Variationen. Vor allem die Farbmengen variierten extrem. Von fingerhutgroßen Beuteln bis hin zu Farbeimern war alles zu haben. Die Marktschreier unterboten sich in ihren Preisen für die Wasserbomben und an einem Stand wurde uns sogar ein Maleranzug zum Schutz vor Farbe angeboten.
Mit 8 Jungs kehrten wir zum contact-point zurück um mit dem Unterricht zu beginnen. Nach einer Stunde Hindi, English oder Mathe, je nach Lust der Kinder, liefen fast alle zurück in den Markt, um weiter zu arbeiten. Nicht so Vinay. Der 13-Jährige fragte mich ob wir den letztwöchig angefangenen Laptop-Unterricht fortsetzen könnten. Wir setzten uns, ließen den Laptop hochfahren und natürlich PAINT. Vinay ist generell ein sehr bastel- und malfreudiger Junge, aber als ich letzte Woche mithilfe einiger Kreise und Figuren, der Spraydose und seinem Namen ein Bild gemalt hatte, um seine Motivation für das Paint-Programm zu locken, war er nicht mehr zu bremsen.
Passend zu Holi verwandelte sich der Bildschirm in ein Farbenmeer. Vinay war für gut eine halbe Stunde voll im Reich der Farben und Figuren unterwegs und sprach mich nur noch an, wenn es darum ging ein Bild zu speichern. Zwar hatte er feinmotorisch kleinere Probleme die Maus auf die kleineren Flächen zu manövrieren, allerdings machte der Unterschied im Gesamtkunstwerk wenig aus.
Holi in der Krankenstation...
Die zweite Hälfte des Tages fuhr ich nach Old Delhi. Auf dem Weg ging ich in der Butterflies-Krankenstation vorbei, um eine Dokumentation abzuholen. Schon an der Tür wurde ich von den Kindern empfangen. Ich hatte die bunten Farbgestalten nicht als Straßenkinder identifiziert, doch als sie mit beiden Händen voller Farbe auf mich losstürmten, war das auch nicht mehr wichtig.
Rot auf die Stirn, Gelb auf die Wangen, Grün irgendwo in der Halsregion und als das ganze Gesicht mit Farbe bedeckt war, wurde mir von einer Krankenschwester noch Farbe in die Haare geschmiert. Ich spielte Holi mit allen Kinder der Krankenstation und den Mitarbeitern, danach ging es wieder zurück an die Arbeit – nur farbiger. (Allerdings darf man sich das nicht als Rauferei oder Schlacht vorstellen. Es ist ein liebevolles Einreiben nach dem man sich umarmt und ein fröhliches Holi wünscht.)
Verabschiedet/Geflüchtet von der Krankenstation erreichte ich den contact-point Jama Masjid. Gegenüber der größten Moschee Indiens unterrichten Streetworker in einer Community die fast ausschließlich aus Muslimen besteht. Auf eine zweite Runde Farbe gefasst betrat ich mit Sports-teacher Gajender die Community. Doch auf den ganzen 100 Metern durch den Slum sahen wir nirgendwo Holi-spielende Kinder. Zwar liefen überall Kinder umher, allerdings wurden wir mit unseren Farben nur komisch beäugt.
Das Holifest ist eines der ältesten Hindufest und wird begleitet von dem Mythos um Prahlada, einem Prinzenkind, das den Gott Vishnu mehr verehrte als seinen Vater. So versuchte der Vater mit allen Mitteln seinen Sohn zu töten, ihm gelang es jedoch nicht, da Vishnu stets einschritt.
So überlegte sich der Vater eine List. Er befahl seiner Schwester Holika, die vor dem Feuer geschützt war, mit Prahlada ins Feuer zu springen, damit er verbrenne. Doch die Flammen, geleitet durch Vishnu, verschonten den Jungen und ließen Holika verbrennen. So feiern die Hindus den Sieg über die Dämonen Holika als Holi. Für die Hindus ist es jedoch ein vielseitiges Fest verbunden mit Spiritualität und assoziiert mit dem Sieg von Gut über Bose und Frühling über Winter.
...und im muslimischen Slum
Anders als in Hindukreisen, wird das Fest von Muslimen nicht gefeiert. Viele der Kinder am contact-point erzählten mir, das ihre Eltern nicht wollten, dass sie Holi spiele. Angestachelt von der Idee auch hier Holi zu feiern fingen Sports-teacher Rahul und ich an, die kleineren Kinder mit einzufärben. Die Kleinen fanden es lustig und nahmen auch Farbe von uns, um zu spielen, die Älteren allerdings wollten nicht spielen oder rannten sogar weg.
Verwirrt fragte mich ein 14jähriges Mädchen, ob ich Hindu sei. Ich schmunzelte und sagte: "Nein, ich bin Christ". Sie fragte: "Spielt ihr auch Holi?". "Nein, aber das macht auch nichts", antwortete ich. Dann sah ich, wie sie auf Sports-teacher Gajender zuging und ihn ganz ungläubig fragte: "Kann jedes Kind Holi spielen". "Ja, jedes Kind, das will, kann Holi spielen", sagte er. "Aber mein Vater will nicht, dass ich spiele. Darf ich das überhaupt?", "Warum nicht", gab er zurück und malte ihr vorsichtig ein bisschen Gelb ins Gesicht. "Happy Holi".
Nach und nach kamen immer mehr Kinder und fragten, ob auch sie Holi spielen dürfen und wir antworteten, dass jedes Kind Holi spielen kann, wenn es nur will. Und so wurde jedes Kind am contact-point bunt gemalt. Kinder fingen auch außerhalb des points an zu spielen und der davor so graue Slum wurde langsam in Farbe getaucht.
Als ich nach zwei Stunden wieder den Rückweg Richtung Bushaltestelle antrat, war ich irgendwie stolz, hier Holi gefeiert zu haben. Ich hatte das Gefühl, beigetragen zu haben, zu einem kleinen Stück religiöser Verständigung."
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